Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen
Liebes Tagebuch,
endlich wieder Ostseeurlaub in unserer Rostocker Wohnung. Und was macht man, wenn das Wetter zwar schön, aber definitiv zu kalt zum Baden ist? Genau, eine Strandwanderung von Markgrafenheide nach Graal-Müritz. Doch ist man im weichen Sand, selbst wenn man auf dem Dünenweg geht, natürlich viel langsamer als auf festem Boden. Außerdem wehte doch ein ziemlich kalter Wind am Strand. Also entschlossen wir uns nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke, doch lieber in die schöne Rostocker Heide, das ausgedehnte Waldgebiet im Nordosten der Hansestadt, einzubiegen und den Bahnhof Torfbrücke anzusteuern, um von dort den Zug zurück nach Rostock zu nehmen.
Knapp eine Stunde später waren wir schon kurz vor Torfbrücke. Es fehlten uns nur noch 600 m. Doch dann bog meine Frau, statt dem Wegweiser zu folgen und die Straße zu nehmen, in einen mir von Anfang an dubios erscheinenden Waldweg ein. Er sah auch gar nicht wie ein richtiger Weg aus, verlief aber parallel zur Straße, in die wir eigentlich hätten einbiegen sollen. Na gut, dachte ich, bevor ich jetzt wieder einen Streit anfange, folge ich ihr einfach. Die Straße ist ja ganz nahe, und wir können sie jederzeit erreichen. Doch genau diese Annahme sollte sich leider als folgenschwerer Irrtum herausstellen. Als der Waldweg immer mehr einem Trampelpfad durchs Dickicht glich und wir uns immer weiter von der anfangs noch parallel zum Weg verlaufenden Straße entfernt hatten, hielten wir schließlich an. Wir müssen zur Straße, meinte ich, also da lang! Das war unsere zweite, vielleicht noch schwerwiegendere Fehlentscheidung. Natürlich hätten wir den zweifelhaften Waldweg wieder komplett zurückgehen müssen, wie wir gekommen waren, um sicher die Straße zu erreichen, statt uns hier quer durchs Dickicht zu schlagen. Aber die Straße schien uns doch recht nahe zu sein. Man konnte sogar schon die Autos auf ihr entlangfahren hören.
Als die Motorengeräusche immer lauter wurden, kamen wir plötzlich nicht mehr weiter. Da war ein zwei bis drei Meter breiter Graben, durch den ein Bach floss. Also wieder zurück, doch wir fanden unseren ursprünglichen Trampelpfad nicht mehr wieder. Stattdessen landeten wir an einem weiteren Graben von ähnlicher Breite, durch den ebenfalls ein Bach floss. Nun irrten wir inmitten der eng beieinander stehenden Bäume, Sträucher und hohen Gräser wohl längere Zeit orientierungslos umher, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Unseren Zug hatten wir schon verpasst, aber in einer Stunde fuhr schon der nächste. Bis dahin sollten wir uns alledings aus unserer prekären Lage befreit haben. Doch das war leichter gesagt als getan. Auf dem Handy wurde unser Standort nicht mehr angezeigt. Es gab offenbar gar keinen Empfang mehr. Immerhin die Sonne schien noch durch die Baumkronen über uns. Ich versuchte es mit strenger Logik: Die Straße verlief, da war ich mir recht sicher, nordöstlich von uns. Die Sonne musste, da es Nachmittag war, im Südwesten stehen. Also einach immer der Sonne entgegen geradeaus laufen. Tatsächlich hörten wir bald wieder die Motorengeräusche und standen erneut vor dem Graben mit dem Bach.
Es half nichts. Wir mussten jetzt irgendwie diesen Bach überwinden, sonst hätten wir nicht mehr aus dem Dickicht herausgegfunden. Also Schuhe aus, Hosen hochkrempeln und durch. Ich ging zuerst. Doch hatte ich die Tiefe dieses Gewässers wohl etwas unterschätzt. Mit einem Bein versank ich bis zum Knie im Schlamm. Zum Glück konnte mich schnell befreien und erreichte das andere Ufer. Doch die Hose, zumindest das rechte Hosenbein, war total eingesaut. Der Schlamm war sehr dunkel, fst schwarz und roch ausgesprochen streng. Immerhin konnte ich meiner Frau nun den Tipp gehen, sich vor dem Gang durch den Bach ihre Hose auszuziehen. Doch dann versank sie noch tiefer im Schlamm als ich zuvor, konnte sich aber ebenfalls schnell wieder befreien und das rettende Ufer erreichen. Auch sie hatte dabei einiges vom stinkenden Schlamm abbekommen. Nun fiel mir auch endlich ein, woher ich diesen Geruch kannte: Vom letzten Mal, als ich unseren verstopften Abfluss saubergemacht hatte.
Meine Hose war in der Sonne schon bald wieder getrocknet. Auf der Zugfahrt zurück nach Rostock schien niemand unseren Schlammgeruch zu bemerken. Doch war uns der Schreck über das Erlebte gehörig in die Glieder gefahren. Tags darauf bemerkte ich auch noch zwei Zeckenbisse an mir. Meine Frau hatte sogar zehn. Von den vielen Mückenstichen will ich gar nicht reden. Ich musste an Konfuzius denken: Einen Fehler nicht zu korrigieren, das heißt erst wirklich einen Fehler zu machen. Und unnötige Risiken sollte man wohl grundsätzlich besser vermeiden.
Dein Johannes